• Praxis Angelika Silber, MSc.

Zeit der Krise.

Erinnern Sie sich noch? Damals, als 2020 noch jung war, in einer Zeit, als Lockdown und social distancing die neuen Modewörter, Zusammenhalt und Wir-schaffen-das die neuen Schlachtrufe waren? Es war die Zeit der Bilder aus Asien, gefolgt von den Schreckensbildern aus Italien und Spanien. Es war die Zeit der Pressekonferenzen in denen die Szenarien plakativ kommuniziert wurden. „Jeder wird jemanden kennen, der an dem Virus gestorben ist.“ Der Virus war in unserem Land und vor unserer Haustür angekommen und damit auch die Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung.

Was erst noch mit Klatschen auf Balkonen und Fensterkonzerten begann, hat sich im Laufe der Monate zu einer handfesten Krise in allen Lebensbereichen entwickelt. Aber damals war die Energie des Einzelnen noch im grünen Bereich, das Wetter schöner und die Aussicht auf ein baldiges Ende wahrscheinlich. Der Lockdown versprach möglichen Sieg über und Sicherheit vor dem unsichtbaren Feind. Und einige Wochen im Home Office waren für viele ein Abenteuer, ein Ausprobieren, Kurzarbeit für manche endlich Zeit zum Entspannen und für die Familie. Damals.

Heute, Monate später, sieht die Welt schon ganz anders aus.


Schleichend hat nicht der Virus sondern der Umgang damit viel mehr als nur Körper infiziert. Seit einigen Monaten verbringe ich viele Stunden damit, die sich häufenden Probleme meiner KlientInnen zu entpathologisieren. ‚Nein, es ist nichts „falsch“ mit Ihnen – Ihr Körper und Ihre Psyche reagieren einfach nur angemessen auf die derzeitig vorherrschenden Lebensumstände. Es ist das Ergebnis von lang andauernder übermäßiger mentaler, emotionaler oder/und körperlicher Belastung, die sich bei jedem von uns unterschiedlich erkennbar macht.‘ Diese Reaktionen auf negativ wahrgenommene Veränderungen treten zeitverzögert auf, wie es das Wesen von Belastungsstörungen ist. Je nach Schweregrad nach einigen Tagen, Wochen, Monaten oder manchmal sogar nach Jahren.


Körperlich zeigen sich jetzt die sogenannten Achillesfersen: Rückenprobleme, Kopfschmerzen, Magen/Darmproblematiken, Schlafstörungen, Verspannungen und diffuse Symptomatik um nur einige zu nennen. Psychische Folgen sind beispielsweise Angstzustände und Panikattacken und das Gefühl der Ohnmacht der neuen Situation ausgeliefert zu sein über Stimmungsschwankungen, Traurigkeit und Depression aufgrund von Einsamkeit und Isoliertheit oder Arbeitslosigkeit, Burn-Out, erhöhte Reizbarkeit sowie Wut, Aggression und Zornausbrüche. Alkohol-, Medikamenten- und Substanzmissbrauch zur Selbstberuhigung oder Frustertränkung haben ebenfalls alarmierend zugenommen wie die Suizidversuche.

Die Nerven liegen blank.


Mittlerweile erleben wir statt Zusammenhalt den Gegenpol des Streits, des unwiederbringlichen Zerwürfnisses, der gesellschaftlichen Spaltung in Pro und Contra. Denn wie so oft findet der Mensch erst im extremen Denken Sicherheit, wenn Angst regiert. Der Weg zur goldenen Mitte führt allerdings über innere Ruhe, Ratio und Gelassenheit. Über das Zusammenspiel von Hirn, Herz und Bauch. So nehmen extreme Verhaltensweisen zu - und ganz gleich auf welcher Seite Sie stehen – Menschen ziehen sich entweder mehr zurück oder über(re)agieren, werten ab/auf und ver/urteilen.

Die Umstände sind je nach sozialem Umfeld unterschiedlich belastend. Alleinstehende leiden unter zunehmender Vereinsamung, Alte, Kranke und vor allem demente Menschen reagieren mit Verstörung auf die maskierten Gesichter und die Grausamkeit, für ihr körperliches (und seelisches) Leid keinen Trost durch körperliche Nähe und Berührung finden zu können. Wochenlanges Liegen im Krankenhaus oder im Pflegeheim ohne ein vertrautes Gesicht von Freunden oder Familie. Beziehungen erfahren einen intensiven Stresstest durch permanentes aufeinander hocken, vielerorts ohne Rückzugsmöglichkeit und räumlichem Abstand. Eine zusätzliche Belastung ist dabei die Arbeit im Home Office bei gleichzeitigem Home Schooling, die diese für viele Paare und betreuende Eltern zum Albtraum macht. Permanentes Sitzen vor Bildschirmen stresst nicht nur die Augen sondern auch unser Gehirn, was in überraschender Müdigkeit und Abgeschlagenheit resultiert. Häusliche Gewalt in ohnehin bereits zerrütteten Ehen und Partnerschaften konnte weiter eskalieren und wir können nur erahnen wie hoch die Zahlen von Übergriffen und Missbrauch mittlerweile sind.

Sie sehen, bis hierher ist der Text kein fröhlicher. Was ich damit unterstreichen möchte:


"All das sind normale Reaktionen auf nicht normale Zustände – Sie dürfen so reagieren! Sie sind nicht alleine mit Ihren Problemen! Sehr viel mehr Menschen als Sie vielleicht denken geht es im Moment genauso. Sie dürfen sich so fühlen wie Sie sich fühlen! Das sind normale Regungen des Menschen in Krisen damit er danach wieder in seine normale, gesunde Struktur zurück finden kann!"

Wir alle – mich eingeschlossen – befinden uns in dieser kollektiven Krise. Wir sind mittendrin. Vom Kind bis zum Greis. Und ich bin nicht sicher, ob es die Absicht dieses winzigen Virus war, eine derartige Kettenreaktion hervorzurufen. Aufgrund der mittlerweile so lange andauernden Ausnahmesituation ohne vorhersehbares Ende und der durchgehenden medialen Bombardierung auf allen Kanälen ist dieses Corona-Kontinuum insgesamt für viele Menschen unerträglich geworden. Wie viele studieren beinahe zwanghaft die täglich kolportierten Todeszahlen wie andere die Börsenkurse? Besonders vulnerable, sensible Persönlichkeiten erleben diese Zeit als extrem belastend, aber auch sonst sehr gefestigte Menschen sind mittlerweile von Belastungs- oder Anpassungsstörungen an die neuen Lebensumstände betroffen. Hinzu kommt, dass unsere Generation und die jüngeren unter uns, gelinde gesagt nicht sehr krisenerprobt sind. Wir zählen zu den Glücklichen, die maximale Freiheit, Wohlstand und soziale Sicherheit zu den fixen Bestandteilen unseres Lebens zählen.

Krise bedeutet immer Veränderung. Je länger eine Veränderung andauert ohne eine Rückkehr zur gewohnten Ordnung und je weniger sich der einzelne als selbstbestimmt (ich entscheide für mich selbst) und selbstwirksam (ich kann schwierige Herausforderungen selbst durch mein Handeln bewältigen) wahrnimmt, desto verstörender die Situation. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und die Routinen des Alltags geben Sicherheit und Halt. Aktuell ist nichts wie es wahr - Lockdowns, Shutdowns, sich ständig ändernde Reglements und Massnahmen verunsichern noch zusätzlich und wir wissen auch nicht wie lange dieser Zustand andauern wird oder was danach kommt.


Die guten Nachrichten. Jede Krise ist eine Chance. Für Perspektivenwechsel und persönliche Weiterentwicklung. Sie haben immer noch Handlungsspielräume. Es gibt immer Lösungsansätze. Sie müssen die Situation nicht einfach aushalten. Darin liegt das Spannende einer Krise. Welche dies sein können... lesen Sie gerne weiter in Teil 2.

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