• Praxis Angelika Silber, MSc.

Zeit der Krise.

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Erinnern Sie sich noch? Damals, als 2020 noch jung war, in einer Zeit, als Lockdown und social distancing die neuen Modewörter, Zusammenhalt und Wir-schaffen-das die neuen Schlachtrufe waren? Es war die Zeit der Bilder aus Asien, gefolgt von den Schreckensbildern aus Italien und Spanien. Es war die Zeit der Pressekonferenzen in denen die Szenarien plakativ kommuniziert wurden. „Jeder wird jemanden kennen, der an dem Virus gestorben ist.“ Der Virus war in unserem Land und vor unserer Haustür angekommen und damit auch die Angst und Unsicherheit.

Was erst noch mit Klatschen auf Balkonen und Fensterkonzerten begann, hat sich im Laufe der Monate zu einer handfesten Krise in allen Lebensbereichen entwickelt. Aber damals waren die Energie des Einzelnen noch im grünen Bereich, das Wetter schöner und die Aussicht auf ein baldiges Ende wahrscheinlich. Der Lockdown versprach möglichen Sieg über und Sicherheit vor dem unsichtbaren Feind. Und im Glück war, wer ausreichend Klopapier und Dosenfutter für den Notfall ergattert hatte. Einige Wochen im Home Office waren doch ein kleines Abenteuer, ein Ausprobieren, Kurzarbeit für manche endlich Zeit zum Entspannen und für die Familie. Damals.

Heute, ein Jahr später, sieht die Welt schon ganz anders aus.


Schleichend hat nicht der Virus, sondern der Umgang damit viel mehr als nur unsere Körper infiziert. Seit einigen Monaten verbringe ich viele Stunden damit, die sich häufenden Probleme meiner KlientInnen zu entpathologisieren. ‚Nein, es ist nichts „falsch“ mit Ihnen – Ihr Körper und Ihre Psyche reagieren einfach nur angemessen auf die derzeitig vorherrschenden Lebensumstände. Es sind typisch menschliche Reaktionen auf lang andauernde übermäßige mentale, emotionale Belastung, die sich bei jedem von uns unterschiedlich auswirkt.‘

Der Körper streikt zuerst.


Zu den häufigsten körperlichen Symptome die in oder nach Krisensituationen auftauchen zählen beispielsweise Rückenprobleme, Kopfschmerzen, Magen/Darmproblematiken, Schlafstörungen, Verspannungen und nicht eindeutig definierbare Symptome, um nur einige zu nennen.

Angst frisst Seele. Die Nerven liegen blank.


Fühlen Sie sich in letzter Zeit „komisch“ und „irgendwie nicht wie sonst“? Geht Ihnen alles auf die Nerven? Möchten Sie nur schlafen oder weinen? Auf psychischer Ebene haben wir es mit Angstzuständen, Panikattacken und einem Gefühl des ausgeliefert-seins zu tun. Stimmungsschwankungen, Lethargie, Traurigkeit, innere Leere und das Gefühl von Sinnlosigkeit aufgrund von Einsamkeit und Isoliertheit oder Arbeitslosigkeit sind ganz typisch in Krisenzeiten. Gehen Sie bei jeder Kleinigkeit in die Luft? Nervt Sie Ihr/e PartnerIn in letzter Zeit viel mehr als sonst? Erschöpfung durch Überlastung und dauerhafter innerer Widerstand gegen die neuen Lebensumstände sowie natürlich Reizbarkeit, Wutanfälle, unangemessene Aggression sind dramatisch gestiegen. Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch zur Selbstberuhigung oder Frustertränkung haben ebenfalls alarmierend zugenommen wie Suizidversuche.

Die Umstände sind je nach sozialem Umfeld unterschiedlich belastend.


Alleinstehende leiden unter zunehmender Vereinsamung, Alte, Kranke und vor allem demente Menschen reagieren mit Verstörung auf die maskierten Gesichter und die Grausamkeit, für ihr körperliches (und seelisches) Leid keinen Trost durch Nähe und Berührung finden zu können. Aufenthalte im Krankenhaus oder im Pflegeheim werden ohne ein vertrautes Gesicht von Freunden oder Familie zur seelischen Qual. Beziehungen erfahren einen intensiven Stresstest durch permanentes aufeinander hocken, vielerorts ohne Rückzugsmöglichkeit und räumlichem Abstand. Eine zusätzliche Belastung ist dabei die Arbeit im Home Office bei gleichzeitigem Home Schooling, die diese für viele Paare und betreuende Eltern zum Albtraum macht. Kinder sind vor Bildschirmen festgenagelt, können sich nicht mehr frei und unbeschwert erfahren. Sie tragen Sorgen und Ängste der Eltern mit, haben Angst die Oma anzustecken und erleben Nähe als etwas Bedrohliches. „Geht das wieder weg?“ Permanentes Sitzen vor Bildschirmen stresst nicht nur die Augen sondern auch unser Gehirn, was in wenig überraschender Müdigkeit und Abgeschlagenheit resultiert. Häusliche Gewalt in ohnehin bereits zerrütteten Ehen und Partnerschaften konnte weiter eskalieren und wir können nur erahnen wie hoch die Zahlen von Übergriffen und Missbrauch mittlerweile sind. Der anfängliche Zusammenhalt hat sich in den Gegenpol des Streits, des unwiederbringlichen Zerwürfnisses, der gesellschaftlichen Spaltung in Pro und Contra gewandelt. Denn wie so oft finden wir erst im Extremdenken Halt und Sicherheit, wenn die Angst regiert. Daran zerbrechen leider auch Freundschaften ebenso wie Partnerschaften.


Sie sehen, bis hierher ist der Text kein fröhlicher. Was ich Ihnen damit verdeutlichen möchte:


"All das sind normale Reaktionen auf nicht normale Zustände – Sie dürfen so reagieren! Sie sind nicht alleine mit Ihren Problemen! Sehr viel mehr Menschen als Sie vielleicht denken geht es im Moment genauso. Sie dürfen sich so fühlen wie Sie sich fühlen! Das sind normale Regungen des Menschen in Krisen damit er danach wieder in seine normale, gesunde Struktur zurück finden kann!"

Aber der Mensch ist fähig sich anzupassen!


Sind Sie veränderungsfreudig oder halten Sie gerne am alten fest? Daran lässt sich ablesen ob Sie schneller mit neuen Situationen klarkommen oder nicht.


Krise bedeutet immer Veränderung. Je länger eine Veränderung andauert ohne eine Rückkehr zur gewohnten Ordnung (Alltagsroutine) und je weniger sich der einzelne als selbstbestimmt (ich entscheide für mich selbst) und selbstwirksam (ich kann schwierige Herausforderungen selbst durch mein Handeln bewältigen) wahrnimmt, desto verstörender die Situation.


Der Covid-19 Albtraum begann vor 12 Monaten und wir sind seither noch nicht daraus aufgewacht. Wir sind alle davon betroffen. Vom Kind bis zum Greis. Kein Wunder, dass sich auch die stärksten unter uns mittlerweile müde, frustriert und hilflos fühlen. Die durchgehende mediale Bombardierung auf allen Kanälen trägt ihres dazu bei. Wie viele studieren beinahe zwanghaft die täglich kolportierten Todeszahlen wie andere die Börsenkurse?


Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und die Routinen des Alltags geben Sicherheit und Halt. Aktuell ist aber nichts wie es wahr – Lockdowns und sich ständig ändernde Regeln und Maßnahmen verunsichern und wir wissen auch nicht wie lange dieser Zustand andauern wird oder was danach kommt.


Selbstbestimmung, Handlungsmöglichkeiten, Kontrolle und Planbarkeit sind wichtige Bestandteile von Krisenbewältigung!

Aber wir müssen auch zugeben, dass unsere Generation und die jüngeren unter uns, gelinde gesagt nicht sehr krisenerprobt sind. Wir zählen zu den Glücklichen, die maximale Freiheit, Wohlstand und soziale Sicherheit bisher zu den fixen Bestandteilen unseres Lebens zählen.

Die guten Nachrichten zum Schluss: Jede Krise ist eine Chance. Für Perspektivenwechsel und persönliche Weiterentwicklung. Sie haben immer noch Handlungsspielräume. Es gibt immer Lösungsansätze. Sie müssen die Situation nicht einfach aushalten. Darin liegt das Spannende einer Krise. Welche dies sein können... lesen Sie gerne weiter in Teil 2.

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